Erinnerungen an die Frauenfeste der 70er Jahre

wir sehen die frauenfeste als wichtigen Bestandteil von Frauenbewegung und rebellischer Frauenkultur

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AN EINE S?NGERIN
(f?r Monika Mengel)

Sommer ?74, auf Fem?, dem legend?ren Frauencamp.
Es ist hei?. Frauen ?berall, zwischen Zelten, am Strand,
viele sind nackt, man h?rt sie lachen.
Im Gewirr von Sprachen und Stimmen
begegnen wir uns. Du bist ein ruhender Pol.

Ich sitze neben dir.
Wir sprechen von Liebe, von ihrem Scheitern,
und davon, was jede ersehnt.

Mit Freundinnen erkunden wir die Insel.
Wir setzen uns ab und wandern zu zweit am Strand,
tasten behutsam die Worte der anderen ab.
L?ngst ist es dunkel geworden. Wir verlaufen uns in der Nacht
und lieben uns im Morgengrauen:
Z?gernd-zart mit geb?ndigter Leidenschaft.

Tags drauf singst du,
ich h?r dich zum ersten Mal.
Da stehst du:
Deine Stimme bahnt sich aus dem K?rper,
zuerst tastend, die T?ne erprobend,
erreicht H?he und bricht machtvoll hervor,
ihr dunkles Timbre erf?llt das Zelt,
birgt uraltes Wissen,
b?ndelt die Stimmen der Frauen der Welt:
?Wir sind eine Million Jahre alt ...?

Dass du dich so ent?u?erst, macht mich bang.
Ich werde ganz still, dein Gesang ber?hrt mich dort,
wohin Worte und H?nde und Lippen nicht reichen.


AN DIE FLYING LESBIANS

Die ?brigen Flying Lesbians landen auf Fem? mit Equipment und Instrumenten.
Kabel werden verlegt, Boxen geschleppt, die Musikanlage aufgebaut. Profis am Werk. Dann legen sie los. Monika, jetzt eine unter ihnen. Die B?sse brausen auf, die Instrumente weben ein Netz, Rhythmus behaust den Gesang:?... und wir tr?umen dann vom Matriarchat, von Amazonen und Sirenen und von Lilith, die die erste Menschin war...?

Mehr als hundert Feministinnen verschiedener Nationen und Hautfarbe, Behinderte, Lesben und Heteras, auch Kinder waren im Fem?camp. F?r fast alle das erste Mal, dass sie viele Tage ausschlie?lich mit Frauen verbrachten. In vielen Sprachen gesprochen, aufgeladen von Begegnungen, durchtr?nkt vom Wissen um die anderen, ein ekstatisches Erleben. Die Musik der Flying Lesbians spiegelt diese Erfahrungen und gibt ihnen eine Stimme.

Von Fem? ging es weiter nach Kopenhagen zum Frauenmusikfestival.
In einer Zeit, als kaum eine von uns das Mikro ergriffen hat, um in einer flammenden Rede Lesbenrechte einzufordern vor einem gr??eren Publikum - wo auch?- da standen die Flying Lesbians beim Open Air auf der B?hne und machten f?r mehr als zehntausend, die in den Park gestr?mt waren, Musik: ?Frauen erhebt euch, und die Welt erlebt euch, gemeinsam sind wir stark.? Sinnlichkeit und Musik gehen den theoretischen Analysen und der Tagespolitik weit voraus.

Ich zog nach Berlin, die Frauen der Flying Lesbians geh?rten zu meinem Alltag, wir trafen uns in unseren WGs, im LAZ, in Gittas Guter Stube, bei Veranstaltungen. Die Berliner Lesben waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Man stritt ?ber die richtige Politik, Zweierkisten wurden aufgebrochen, auch mal Pr?gel angedroht. Wir haben uns nicht mit Samthandschuhen angefasst.

Die Flying Lesbians wirkten mehr als jede andere Gruppe identit?tsstiftend f?r die Bewegung in Deutschland. Viele Frauen kannten ihre Songs auswendig. Die Texte beinhalten Klage und Anklage, Kampf, Begehren und Vision, die ganze Palette lesbisch-feministischer Themen.

Unser politischer Aufbruch Anfang der 70er Jahre war von starker Individualit?t gepr?gt, Uniformit?t verhasst. Ich bin immer wieder erstaunt und ver?rgert, wenn den Lesben dieser Zeit Lila Latzhosen angedichtet werden, um unsere Bewegung zu diskreditieren. Wir haben nicht mit einer Stimme gesprochen, nicht mit einer Stimme gesungen. Die Musikerinnen der Flying Lesbians, Individualistinnen bis in die Nasen- und Fingerspitzen, sind daf?r Exempel. Welche Band sonst leistet sich gleich vier Leads?ngerinnen, die verschiedener nicht sein k?nnen?

Cillie Rentmeister liefert mit ihrer glasklaren Stimme schneidende Analysen des Patriarchats. Cillie, mit ihren kultivierten Umgangsformen die Lady der Band, wie geht sie hier aus sich heraus: kein Erbarmen mit denen, ?die die M?nnerherrschaft st?tzen.?
Danielle de Baat gelingt mit ?Shake it off? eines der fesselndsten Liebeslieder der 70er Jahre, das weit ?ber die Szene hinaus h?tte bestehen k?nnen. Wenn sie ?electricity is in my body next to you? singt, ist das hautnah zu sp?ren.
Monika Mengel, mit einer wahrhaft gro?en Bluesstimme begabt, ber?hrt die Frauen und rei?t sie mit.
Monika J?ckels einschmeichelnde Stimme gibt die Ohrw?rmer zum Mitsingen: ?wir sind die homosexuellen Frauen ...?
Monika Savier, cool hinter der Gitarre und mit connections, die Organisatorin mit frecher Schnauze, spinnt F?den im Hintergrund. Gigi Lansch entfesselt am Schlagzeug, wirbelt die Sticks, w?hrend Christel Wachowski mit unger?hrter Miene den Bass schl?gt; dann und wann huscht ein L?cheln ?ber ihr Gesicht.

EPILOG

Eins aber verzeihe ich den Flying Lesbians nicht. Im Lesbencamp von Sanguinet, wo das Lied ?Wir sind die homosexuellen Frauen? entstand, dichteten wir auch eine Strophe f?r unsere bayrischen Schwestern, allerdings auf hochdeutsch. Die ging so:

?Ich bin ein homosexuelles Madl
und fahr auf meinem blauwei?-rautierten Radl
und schau die Buben ganz b?se an
weil ich sie nun einmal nicht leiden kann.?

Ich frage mich bis heute, warum diese Strophe unterschlagen wurde.
Und pl?diere daf?r, sie in bayerischer Mundart zu singen.

?I bin a homsexuels Madl
und fahr auf meim blauwei?n Radl
i schau de Buam gscheit boes a
weil i se ?berhaupts net leidn ko.?


GABRIELE MEIXNER, Urgeschichtsforscherin und Autorin, damals Mitbegr?nderin des Amazonenverlags (lebt seit 20 Jahren in Bayern)

... wurde hier am 2007-11-04 20:09:22 eingetragen.